Arboretum

Fast schon auf dem Lande, oberhalb der Stadt, wurde der Forstbotanische Garten der Universität Göttingen in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts angelegt.
In einer topografisch kaum zu definierenden Landschaft, hügelig und bewaldet, im hohen Gras, stehen die Gruppen der Bäume isoliert voneinander, bezogen aufeinander.
Die Pflanzung ist durchdacht aufgebaut und thematisch gruppiert.
Es ist viel Platz, der Raum wirkt weit, die Anlage wurde großzügig geplant.
Es gibt wenig Besucher und kaum Spaziergänger. Die wenigen, die kommen, tragen Bestimmungsbücher mit sich herum und führen Fachgespräche.
Das Arboretum zeigt Vielfalt: Bäume, Sträucher und Stauden. Wir finden Verwandtschaften, Verschiedenheiten und Ähnlichkeiten, dieser Ort ist angelegt,
um etwas über die Natur zu erfahren sie von ferne und im Detail zu betrachten.
Was unterscheidet die Douglasie von der Sitkafichte? Sind die Blattknospen des Bergahorns
unterschiedlich von denen des Spitzahorns? Hat wirklich jede Linde eine herzförmige Krone?
Die Gruppen der Bäume wirken wie Individuen, die miteinander kommunizieren.
Manche, wie die drei Linden, sind gut befreundet und verbringen gerne Zeit miteinander – im Gegensatz zu der Gruppe Fichten, die sich schlicht dulden, den Dialog eingestellt haben und nun doch auf Jahrzehnte den gleichen Wurzelraum teilen müssen.
Die Ehe der Ahorne funktioniert gut: nicht zu nah, nicht zu eng,
doch gemeinsam. Und die vielköpfige Gruppe der zwergigen Nadelgewächse läßt einen von ihnen einfach außen vor.
Als Menschen vermenschlichen wir die Natur und beziehen sie auf uns, auf unsere Erfahrung, unsere Gefühle, unseren Wunsch nach Vollkommenheit.
Dagegen steht die Wildnis des Außen, die Sehnsucht schafft und Ängste weckt, tief in uns und sichtbar verborgen, erträglich durch Aneignung des Fremden, durch Inbesitznahme, Zuordnung und Definition.
Die Arbeit „Arboretum“ zeigt den sozialen Bezug der Bäume untereinander.
Der soziale Kontext entspringt uns selbst.

Silke Rokitta, 2006

Meisterschülerin von Prof. Gosbert Adler mit „Arboretum“, Silke Rokitta, FH Hannover, 2006

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