meisterschüler06

„Waldeinsamkeit“ ist ein Schlüsselwort der deutschen Romantik. Da stellt man sich einen versponnenen Poeten vor, der – ganz allein durchs Dickicht irrlichternd – den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, weil er seinen Träumen nachhängt. Vor dieser Weltflucht schützt die Kamera. Mit ihren Bildern beweist Silke Rokitta augenfällig, daß Waldeinsamkeit auch Konzentration aufs Reale bedeuten kann, eben den Blick für Bäume – als namentlich exakt bezeichnete Individuen einer Waldgesellschaft. Ihre Fotografie ist zuallererst ein visueller Befund, ein präzis komponiertes Bulletin über Zustand und Zustandekommen dessen, was leichthin „Kulturlandschaft“ genannt, unbewußt aber immer noch mit schwerer Symbolik aufgeladen wird: In seiner Analyse von „Masse und Macht“ kennzeichnete Elias Canetti den deutschen Wald als „ein Heer in Aufstellung“, das unter dem großen Laubdach zusammenfindet. Aus diesem „großen gemeinsamen Waldschatten“ treten die Bäume auf den Fotos aus einem forstbotanischen Garten nun als Einzelgruppen hervor, werden in der Reihung der Bilder vergleichbar, machen Unterschiede geltend.
So setzt die Fotografin subtil ins Bild, was Michael Krüger mit seinem „Waldbrief“ als entlegene Szene en miniature geschildert hat: „Es ist die Lichtung, wo wir im letzten Jahre Steinpilze fanden, eine brüderliche Gesellschaft, in höflichem Abstand voneinander, daß ihre Schatten sich nicht mischen konnten.“Die Frage, ob es sich bei den Baumgruppen um „Familien“ handelt oder der jeweiligen Gruppierung nicht doch durch biologische Zwänge eine gewisse Distanz untereinander auferlegt ist, mag der Betrachter entscheiden. Der Hinweis, daß diese jüngsten Aufnahmen einem künstlich angelegten Terrain entstammen, wird ihn einmal mehr darauf stoßen, daß es sich bei kaum einer „Kulturlandschaft“ um eine autonome Formation handelt, sondern um Gebilde, die unter der Fuchtel des Menschen stehen, nach ökonomischen oder auch ästhetischen Ansprüchen geformt wurden. Nicht plötzlich und über Nacht, sondern unmerklich im Lauf der Jahrhunderte – darum die nüchterne Raffinesse dieser Fotografie.

Jochen Stöckmann, 2006

Katalogtext „meisterschüler 06“, Jochen Stöckmann, 2006

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