Zu den „Kulturlandschaften“ von Silke Rokitta

… Naturlandschaften, das heißt, naturbelassene Landschaften, bestehen heutzutage so gut wie nicht mehr. Denn mittlerweile hat der Mensch die Finger überall im Spiel und gestaltet Landschaft nach seinen Ideen und Bedürfnissen. Deshalb dient das Wort lediglich noch als begriffliche Abgrenzung zu Kulturlandschaften. Die UNESCO nennt sie Kulturgüter, in denen sich die Wechselwirkung von Mensch und Natur repräsentieren. Kulturlandschaften veranschaulichen die Evolution und das Sesshaftwerden von menschlichen Gesellschaften. In ihnen repräsentieren sich physische Anstrengungen, soziale, ökonomische und kulturelle Kräfte auf der einen und natürlichen Bedingungen, Dieser Prozess dauert bis heute an.

Doch Landschaften entstehen in unseren Köpfen. Das heißt, unsere Vorstellungen, unsere Konnotationen und Assoziationen von Landschaft, bestehen jeweils aus einem Außen und einem Innen.. Das Außen ist die Landschaft an sich, das Innen unsere Erwartungen und Ideen dessen, was Landschaft sein soll. Kurz gesagt: das, was wir in die Landschaften mitbringen.

Beides, Innen wie Außen, unterliegt ständigen Veränderungen. Gleichzeitig wird Landschaft als gegeben betrachtet, wodurch sich für die Menschen ein ästethischer Rahmen für reale Räume und Orte ergibt. Die Abbildungen von Landschaft, seien es Gemälde oder Fotografien, haben deshalb auch alle etwas gemeinsam. Sie sind Reflektionen, sie sind ideelle und idealisierende, künstlerische Umsetzungen von Landschaft. Das heißt, sie sind Repräsentationen einer Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst.

Auch in den Kulturlandschaftsfotografien von Silke Rokitta wird die Verbindung zwischen Landschaft als realer Topos, der Idee von ihr und ihre gleichzeitige Abbildung auf eindrucksvolle Weise sichtbar, schreibt man doch gerade dem Medium Fotografie am ehesten die Möglichkeiten einer Darstellung des Realen zu..
Doch aufgepasst: gerade die Fotografie hat nicht zwingend etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Denn im Moment des Auslösens wird sie in eine Fotografie transformiert. Es ist der Betrachter, der schließlich aufgrund seiner visuellen Erfahrungen von Welt und Umwelt Bedeutungen und Interpretationen in das jeweilige Bild hinein transportiert, da eine Kommunikation zwischen Wirklichkeit, Vorstellung und Abbildung stattfindet.

Die Fotografien von Silke Rokitta, wie wir sie ab heute bis Ende Oktober im Haus der Region Hannover sehen dürfen, lassen sich in fünf Sektionen einteilen. Da wären zum Beispiel die „Waldgesellschaften“, entstanden zwischen 2001 und 2005 im Rahmen ihrer Diplomarbeit für Bildende Kunst, gefolgt von der Arbeit „Arboretum“, die sie in den Forstbotanischen Garten Göttingen führte und mit der sie im Jahre 2006 unter Prof. Gosbert Adler die Meisterschülerklasse absolvierte. Danach folgte ein zweijähriger Aufenthalt in Bergen, Norwegen, der ihr den Master of Fine Arts ermöglichte. In dieser Zeit entstanden nicht nur die Arbeiten „Strawberry Fields“ und „Mathopen“ sondern auch, während eines Abstechers in den Nordosten Islands, die Serie „Elf City“.

Die Fotografien von Silke Rokitta sind durchweg dokumentarische, undramatische Studien, ja, sie scheinen aus einem geradezu neutralen Gestus heraus entstanden zu sein, der sie formal in die Nähe eines Heinrich Riebesehl führt. Menschen kommen in ihnen nicht vor. Und wenn, dann nur als zufällige Entdeckung, in Form einer Reklamefigur aus Pappe hinter einer Glasscheibe, die für isländische Jagdgewehre wirbt. Beeindruckend hierbei ist aber dennoch, wie diese Figur auf spielerische Weise in die Bildkomposition integriert wurde. Silke Rokitta überlässt auch hier nichts dem Zufall, sie sucht die Auseinandersetzung zwischen Okular und Objektiv und entwickelt somit auf akribische und stringente Weise den Bildaufbau, wobei sie sich stets die Frage stellt: was kann ich sehen, was will ich sehen? Ich selbst war mit ihr noch nie auf Fotoexkursion, aber ich kann mir vorstellen, dass sich Silke für ein Foto mitunter Stunden Zeit lässt. Ich bin da eher der Freund des Schnellschusses.

Formal bedient sie sich meistens der klassischen Bildeinteilung von Vordergrund, mittlerer Bildebene und Hintergrund. Exemplarisch hierfür ist für mich eine weitere Fotografie aus der Serie „Elf City“, in der die Diagonale der Straße die Grasbüschel im Vordergrund vom übrigen der Häuser in der Mitte und die schneebedeckten Berge Islands im Hintergrund trennt. Die Farbtupfer, das Rot und Grün der Hausdächer sind lediglich das farbliche Sahnehäubchen in dieser Fotografie. Dieses Bild entstand übrigens um zwei Uhr nachts, der dunkelsten Tageszeit in Island zu dieser Jahreszeit. Und Frau Rokitta ist dafür sehr früh aufgestanden, wie sie mir erzählte, um genau jenes fahle Licht vorzufinden, dass charakteristisch ist für viele der Fotografien dieser Serie, die im Gegensatz zu den „Waldgesellschaften“ meist plan, das heißt, ohne Tiefe sind. Hierbei fällt mir ein, dass sie mir bei einer unserer ersten Begegnungen sagte, dass es zur Erschaffung eines künstlerischen Werkes einer gewissen Besessenheit bedarf. Ich wusste sofort: hier bin ich richtig.
Denn seien wir doch mal ehrlich: Kunst ist im Grunde genommen nichts anderes als das Zusammenspiel von Vorstellung und Ergebnis. Für das Ergebnis muss man eben auch mal früh aufstehen. Und in den Norden fahren. Da ist Silke Rokitta offenbar zu Hause, da fühlt sie sich wohl, hier findet sie die Menschenleere, die, wie ich bereits sagte, so charakteristisch ist für ihre Arbeiten. Für sie gilt: the way is up, im Süden dagegen gibt’s nur Krankheiten. Alles viel zu warm.

Doch auch Ironie ist Silke Rokitta nicht fremd. Denn vor allem die Serie „Strawberry Fields“, mit ihrer Darstellung von saisonalen Veränderungen innerhalb einer Kulturlandschaft, entbehrt nicht einem leichten Augenzwinkern. Und obwohl die Arbeit während ihres zweijährigen Aufenthalts in Norwegen realisiert wurde, ist diese Serie dennoch am nächsten dran an der Region Hannover und stellt diese während der kurzen und zeitlich klar definierten Erdbeerernte dar. Auf groteske Art werden surreale Größenverschiebungen sichtbar. Aus der kleinen roten Frucht entstehen zwischen Mai und Juli, auf einmal riesige Werbeträger und Verkaufsstände aus Holz und Plastik. Silke Rokitta zeigt, wie sich eine Landschaft in einen Spiegel unserer Kultur verwandelt, da wir sie verändern, gestalten und nutzen. Ohne die Erdbeerskulpturen, ohne diese Werbeträger aus Holz und Plastik existiert sie für sich. Mit ihnen wird sie jedoch etwas anderes. Sie wird sozusagen visuell umgedeutet. Sie ist anders und wirkt anders auf uns.

Lassen Sie mich noch kurz auf die „Waldgesellschaften“ eingehen, ehe sie dann selbst die Arbeiten von Silke Rokitta in Augenschein nehmen können. Als ich diese Arbeit zum ersten Mal sah, dachte ich: „Ich glaub’ ich steh’ im Wald“. Das dachte sich wahrscheinlich auch Silke Rokitta, als sie ihre Hasselblad aufbaute, um der Visualisierungsmöglichkeiten eines geobotanischen Begriffs auf den Grund zu gehen. Ein Wechselspiel zwischen optischer Vergleichbarkeit und Vielfalt der äußeren Erscheinung wird sichtbar. Im Fokus steht der soziale Aspekt der Kulturlandschaft „Wald“. Denn da, wo eine bestimmte Birkenart vorherrscht, können sich Buchen nicht durchsetzen und umgekehrt. Folgt man diesem soziologischen Ansatz der Ausgrenzung sind Vergleiche mit der menschlichen Gesellschaft nicht von der Hand zu weisen. Der Vordergrund der Bilder ist meist eben und leer und dient den sich vertikal ausrichtenden Baumstämme auf der mittleren Bildebene als Bühne. So wird im Bildaufbau die Ästhetik eines jeweils ähnlich angelegten, repetitiven Rasters angewandt., welches optisch-visuelle Vergleiche zwischen den verschiedenen Waldgesellschaften ermöglicht. Unterschiede werden präzisiert und sichtbar, da sich Pflanzengesellschaften auf Grund ihrer unterschiedlichen Standorte und Expositionen voneinander abgrenzen. Die Betitelung der einzelnen Fotos mit vegetationskundlichen, botanischen Bezeichnungen steht deshalb auch keineswegs im Widerspruch, sondern wirkt für die Idee hinter der Serie unterstützend. So heißt zum Beispiel eine Fotografie „Fraxino–Alnetum minoris“, eine andere „Stellario-Carpinetum betuli“. Da ist Frau Rokitta sehr genau und wieder ganz gelernte Friedhofsgärtnerin.

Ach ja, und da fällt mir noch ein: das mit dem früh aufstehen, dass hat sie sich schon als Kind angewöhnt, da sie ihren Großvater sonntags immer auf seinen frühmorgendlichen Spaziergängen in den Wald begleitete. Ihr Opa schoß dabei immer das Wild ab. Nein, nein, nicht, das was Sie jetzt denken. Er schoß das Wild im Wald mit seiner Kleinbildkamera. Vor kurzem entdeckte Silke ein paar dieser Dias und wir entwickelten sofort eine Idee für ein Projekt. Aber darauf will ich jetzt nicht weiter eingehen. Kommen Sie doch einfach nächstes Jahr in die GALERIA LUNAR. Da wird Ihnen so manches klarer.

Aus der Eröffnungsrede von Nils Schumacher für die „Kulturlandschaften“ von Silke Rokitta im Haus der Region, 19.08.2010

 

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